Geschichte

München 1994:
Auf dem Balkon einer reizenden Frauen-Altbauwohnung in Obergiesing ensteht die Idee einer Verkaufsmöglichkeit für Frauenmusik. Gemeint sind die Werke von Musikerinnen – Sängerinnen und Instrumentalistinnen – die unabhägig produzieren, hier zu Lande noch unbekannt sind oder in ihrer witzigen/politischen/musikalischen Eigenheit aus dem Mainstram herausfallen. Musik aus Frauenhänden, -bäuchen und -mündern.
Von einem Balkon, bei weichem Sonnenlicht, sprang das klitzekleine Ei in aufgeregter Stimmung – tik …

Wie gut! Wie schön!
Zwei Frauen beschließen, einen Frauenmusikversand zu gründen. Schwerpunkte sind die amerikanische Independent Lesbenmusik, Heilungsmusik und Weltmusik. Sie nehmen sich vor, weltweit Festivals zu bereisen und unzähligen wunderbaren Bands und ihren CDs zu lauschen.
Auch andere Produkte von Frauen werden in den Katalog aufgenommen. Denn es geht darum, produzierende Frauen allgemein zu fördern, die ideelle und kommerzielle Aufmerksamkeit auf die Waren von Frauen zu lenken.
Aus einem Wortspiel, aus der Suche nach dem Land, „in dem es sich lustvoll leben lässt“ (es muss irgendwo zwischen Timbuktu und Titikakasee liegen) entwickelt sich der Name: Tikala. Es ist ja nur eine Erfindung, eine Wortschöpfung, aber später stellt sich heraus, dass „tikala“ im Griechischen „wie gut“ heißt, und „wie schön“.

Serpentinen:
Jazz kommt dazu, experimentelle Musik und Chansons. Eine lange Reise beginnt
… das sehnsüchtige Ei machte sich auf …
und Tikala erweitert sich: 1995 erhält der Versand Rückendeckung in Form eines Ladens. Kunstvolle Kataloge werden hergestellt. Zeitschriften drucken Rezensionen zu den CDs der entdeckten Künstlerinnen und portraitieren die Macherinnen.
Aus Kostengründen wird die Produktion der wunderschönen, aber aufwendigen Kataloge zu Gunsten preisgünstiger Flugzettel eingestellt. Aus diesem Verlust entsteht jedoch schon bald etwas Neues: Die Gestaltung von Internetseiten. Die zeit des WWW hat 1996 gerade erst begonnen, als Tikala mit einem eigenen Auftritt online geht.
Den Betreiberinnen wird es in der Stadt zu viel, zu eng, zu laut – und so ziehen sie 1997 mit samt dem Versand aufs Land, ins Allgäu. Tikala verändert sich, dehnt sich aus, bezieht im Jahr 2000 wieder einen Laden in Bad Grönenbach und richtet erstmals einen Ausstellungsraum für Frauenkunst ein „Kunst in der Backstube“. Tikala ist bei allen großen Frauen-Events präsent Lesbenfrühlingstreffen, Frauenmusikfestival Hunsrück oder auf dem Dornbirner Handwerkerinnenmarkt. Frau kennt Tikala.
2002 wird ein Relauch des Internetauftrittes fällig. Ein Internetshop mit Soundbeispielen wird eingerichtet. Viele Frauen unterstützen den Versand „der eigenen Art“ finanziell und ideell – was sich entwickelt wird mitverfolgt und kommentiert. Die neuen Seiten finden großen Zuspruch. Die mit dem Vertrieb verbundene Arbeit ist reichlich.
Und plötzlich staunen alle wie die Zeit vergeht: Tikala wird zehn Jahre alt. Was als Idee von einem Balkon in den Äther gesandt worden war, hat nun Hände und Füße, einen ausladenden Korpus, hat einen gewitzten Geist, eine warme Seele und auch ein paar Schrunden. Zehn Jahre sind wirklich eine lange Zeit. 2004 kehrt Tikala, mittlerweile ein Einfraubetrieb, zurück München.
Und was jetzt? fragte das verdatterte Ei, denn obwohl es erschöpft war, platzte es vor lauter Visionen aus allen Nähten … es scheint, die Zeit ist reif für grundlegende strukturelle Veränderungen …

Viva Clara:
Februar 2004: Neun Frauen finden sich im Frauencafe Viva Clara ein – alle mit unterschiedlichen Ambitionen und Hintergründen. Sie gründen einen Verein: Tikala e.V.. Es geht um Kunst, Musik, Tanz und Sport. Um interkulturelle Verständigung, um den Abbau von Barrieren – also vor allem um Frauen aus allen Welten, um ihr Tun, ihr Schaffen und ihre Werke.
Das gar nicht mehr so klitzekleine Ei hatte mutig beschlossen, sich zu teilen … jetzt wurde es vielzellig, jetzt konnte es wachsen …
Neun Frauen gründen einen Verein, erklären Ziele, schaffen eine Bühne und sehen sich nach den Protagonistinnen um zukünftige Mitfrauen werden eingeladen. Da sind sie auch schon da und dort und unbekannt und sehr bekannt.
Eine schöne Zeit steht uns bevor, sagen die Frauen, als sie beschwingt das Café verlassen. Ideen über Ideen werden von Balkonen springen, von Küchentischen und Bettkanten, über Schrebergärten und Bergrücken, aus nächtlichen Wellen oder täglichen Bürosesseln. Und ein paar davon werden Wahrheit werden. Das hat was, sagen sie, und sehen sich an …